Was ist Litigation-PR? Plädoyer gegen öffentliche Vorverurteilung

Litigation-PR (dt. „Öffentlichkeitsarbeit im Rechtsstreit“, auch strategische Rechtskommunikation oder prozessbegleitende Öffentlichkeitsarbeit) ist eine Form der Pressearbeit, bei der die Kommunikation nach außen vor, während und nach juristischen Auseinandersetzungen gesteuert wird. Ziel der Litigation-PR ist es, die juristische Strategie der beteiligten Anwälte zu unterstützen, das Ergebnis der juristischen Auseinandersetzung mit Hilfe der Öffentlichkeit zu beeinflussen und gleichzeitig Schäden an der Reputation des Mandanten zu vermeiden. Sie ist verwandt mit  Reputationsmanagement und Krisen-PR. (Quelle: Wikipedia)

Diese Definition greift allerdings aus meiner Sicht eindeutig zu kurz. Strategische Rechtskommunikation ist weit mehr als nur Pressearbeit, sondern umfasst in meinem Verständnis ebenso die wirkungsvolle interne und externe Stakeholder-Kommunikation Kontext der juristischen Auseinandersetzung. Wer sich nur auf Medienarbeit konzentriert, wird nicht die gewünschte Wirkung erzielen. 
 
Wozu braucht es überhaupt Litigation-PR?
Das öffentliche Interesse an straf- und zivilrechtlichen Verfahren hat massiv zugenommen. Unsere Medienauswertungen zeigen, dass die Berichterstattung über Gerichtsprozesse und rechtliche Auseinandersetzungen sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt hat. Somit steigt einerseits die Bedeutung der kommunikativen Begleitung von Rechtsverfahren für die Involvierten. Andererseits haben z.B. Journalisten immer weniger Zeit, sich mit komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen. Hier hilft Rechtskommunikation, indem sie Sachverhalte aus Parteisicht verständlich, nachvollziehbar erklärt und auf den Punkt bringt.
 
Was kann Litigation-PR für die Beteiligten oder Betroffenen bringen?
Wer in ein Strafverfahren involviert ist, sich mit einer Klage konfrontiert sieht oder selbst klagt, muss nicht nur vor den Richtern überzeugen. Es gilt die Glaubwürdigkeit ebenso im Gerichtssaal der Öffentlichkeit, gegenüber Mitarbeitenden und Stakeholdern unter Beweis stellen. Die öffentliche Debatte kann heute rascher denn je erheblichen Schaden verursachen – nicht nur für die Reputation, sondern auch wirtschaftlich. Hier hilft wirksame Litigation-PR, das Vertrauen der Beteiligten zu stärken und die besten Argumente nach innen und aussen strategisch optimal zu vertreten. Das minimiert das Schadensrisiko.
 
Gibt es Unterschiede zu Straf- und Zivilverfahren?
In Strafverfahren ist die Unschuldsvermutung u.a. wegen der offensiven Information der Untersuchungsbehörden heute zu einem medialen Lippenbekenntnis mutiert. Sie wird bestenfalls nebenbei erwähnt. Vorverurteilung ist die Regel. Immer öfter erfolgt sie auch durch gezielt öffentlich kolportierte Strafanzeigen einer Partei, die ein Interesse an der Diskreditierug verfolgt. Das führt dazu, dass Betroffene im Gerichtssaal der Öffentlichkeit bereits als schuldig gebrandmarkt sind – selbst bei einem späteren Freispruch. Hier geht es darum, dieser Vorverurteilung mit glaubwürdigem Auftreten und den entsprechenden Argumenten entgegenzuwirken. Denn, das Internet vergisst auch Vorverurteilungen nicht.

Bei zivilen Rechtsstreitigkeiten gibt es zwei Seiten. Entweder man klagt oder man wird beklagt. Auf Klägerseite wird Litigation-PR regelmässig dazu eingesetzt, die Gegenpartei öffentlich unter Druck zu setzen und womöglich auf einen attraktiven (finanziellen) Vergleich hinzuwirken. Auf Beklagtenseite steht hingegen die glaubwürdige, vertrauensbildende Verteidigungsstrategie im Vordergrund. Das ist kommunikativ die deutlich grössere Herausforderung, da man von Beginn aus der Defensive reagiert – oder besser eben geschickt agiert und der klagende Partei den Wind aus den Segeln nimmt.
 
Braucht es für Litigation-PR rechtliche Kenntnisse? Ist das nicht eher etwas für Anwälte?

Es ist von Vorteil, die Mechanismen des Justizsystems zu kennen. Noch wichtiger sind allerdings die Fähigkeiten, kommunikative Entwicklungen zu antizipieren. Kommunikation, insbesondere in grossen Konzernen, wird heute sehr stark durch die «Hausjuristen» gesteuert. Doch im digitalen Medienzeitalter greifen beliebte Aussagen wie «No comment, es handelt sich um ein laufendes Verfahren» meistens zu kurz. Deshalb ist es zentral, dass Juristen und Kommunikationsfachleute im Interesse des Mandanten eng kooperieren. So können sie rechtlich und in der Aussenwahrnehmung das Maximum für den Kunden herausholen und dessen Glaubwürdigkeit stärken.

In der Schweiz ist Litigation-PR selbst in der PR-Branche noch ein Fremdwort. Weshalb?
In England und Deutschland hat sich diese Disziplin, aus den USA kommend, bereits breiter etabliert. Ich stelle fest, dass sich viele Anwaltskanzleien nach wie vor schwer tun, den Wert der Kommunikation als begleitende Massnahme bei Rechtsverfahren zu erkennen. Denn die Öffentlichkeit urteilt ja lange vor den Gerichten. Gleichzeitig gibt es Anwälte, die diese Funktion für ihre Mandanten übernehmen, also selber kommunizieren. Einige beherrschen das sehr gut. In vielen Fällen jedoch leidet die Reputation der Mandanten, weil die rein rechtliche Argumentation in der Öffentlichkeit nicht zu überzeugen vermag. Und wer einen Anwalt «vorschickt» riskiert, beim Publikum ein gewisses Misstrauen auszulösen. Deshalb lohnt es sich, wenn Mandant, Anwalt und Kommunikationsberater ein Team bilden, das einzig und allein dem Klienteninteresse dient.

Welcher Zusammenhang besteht mit der Krisenkommunikation?
Die strategische Kommunikation bei Rechtsstreitigkeiten und Krisen erfolgt sehr ähnlich, zumal ein juristisches Verfahren für die Beteiligten oft eine krisenähnliche Belastung darstellt. Überdies lösen Krisensituationen vielfach rechtliche Auseinandersetzungen aus – oder ein Verfahren selbst entwickelt sich zu einer existenziellen Krise. Daher bestehen zahlreiche Schnittstellen und Gemeinsamkeiten.
 
Was unterscheidet Litigation-PR von Kanzlei-PR?
Diese Unterscheidung wird oft missverstanden. Sogenannte Kanzlei-PR fokussiert darauf, Anwaltskanzleien zu vermarkten. Das kann auf verschiedenen Wegen geschehen, z.B. mit Fachbeiträgen in Medien, Expertenstatements etc. Andererseits bin ich der Meinung: Die beste Werbung für Rechtsanwälte ist über konkrete Mandate erzielbar. Gute Litigation-PR für einen Klienten fördert auch die Bekanntheit und das Renommee des Anwalts oder der Anwältin. Die Grenze ist für mich allerdings konsequent zu Gunsten der Mandanten zu ziehen: Litigation-PR darf nicht zum Selbstzweck für die Kanzlei-PR verkommen. Überwiegt der Werbegedanken des Anwalts, drohen die Interessen der Klienten aus kommunikativer Sicht rasch darunter zu leiden.

© 2015 BINZ Consulting GmbH | Roland Binz
Strategische Rechtskommunikation und Litigation-PR für betroffene Menschen und Organisationen aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und den USA

 
Litigation-PR Schweiz Deutschland Österreich strategische Rechtskommunikation Kanzlei-PR